Der NJV trauert um Jens Ahrenhold

Er hat ihn verloren, diesen letzten und unfairen Kampf in seinem Leben. Der NJV ist tief bestürzt über den viel zu frühen Tod eines außergewöhnlichen Judokas. Eine große Lücke hinterlässt Jens Ahrenhold, der nach kurzer, schwerer Krankheit völlig überraschend aus dem Leben gerissen wurde. Fast 50 Jahre war er Teil der niedersächsischen Judofamilie. Erst im November 2021 wurde er vom Verbandstag als Vizepräsident Leistungssport gewählt – ein Amt, das er bereits seit November 2019 kommissarisch innehatte. 

Für Jens Ahrenhold ging es aber nicht um Posten und exponierte Funktionen, sondern primär um die gemeinsame Sache: den Judosport in seiner Gesamtheit zeitgemäß attraktiv zu gestalten. Dabei verkörperte er kaum wie ein anderer die Judowerte, von denen ihm selbst Höflichkeit und Respekt die wichtigsten waren. 

Für den Bovender SV ist Jens Ahrenhold einer seiner Helden. In einer Videoreihe porträtierte der Verein im April 2020 Persönlichkeiten, die sich in früheren Jahren um den Verein besonders verdient gemacht haben. Mit aller Bescheidenheit hätte Jens die Zuschreibung als Held kurz und bündig abgelehnt, ironisch kommentiert oder mit einer Gegenfrage versehen, hätte man ihn darauf angesprochen. Auch wenn es ihn Anfang der 1990er Jahre in die Region Hannover verschlagen hat, war ihm die Verbundenheit mit seinen Judowurzeln in seinem Heimatverein (im besten Sinne des Wortes) bis zuletzt sehr wichtig. Jens begann 1972 mit dem Judosport – 2012 wurde er vom Bovender SV für seine vierzigjährige Vereinsmitgliedschaft geehrt. Dem Verein bleibt er als aktiver Athlet mit Kaderstatus, besonders aber als erfolgreicher Trainer und Abteilungsleiter in Erinnerung. Unter seiner Ägide konnte der Verein mit mehreren Deutschen Meistertiteln im Kadetten- und Juniorenbereich große Erfolge feiern und richtete nationale Maßnahmen aus. Als seinen schönsten Judo-Moment nannte Jens in einem kurzen Interview für die Rubrik “NJV-Gesichter” die Goldmedaille der Bovender Athletin Wencke Wegner beim Europäischen Olympischen Jugendfestival 1993 (EYOF) – “nicht nur wegen der Medaille, sondern auch, weil es der Auftakt der Hochzeitsreise mit meiner Frau Meike nach Italien war”. 

Seine Familie war Jens sehr wichtig. Sie steht ihm in seiner eigenen Judoverrücktheit in nichts nach. Stets imponierten ihm die Dan-Grade, die er, Meike und die Kinder Janne und Elna erreicht haben. Und genauso freute ihn die Tatsache, dass alle aus der Familie ein Kaderpferdchen auf dem Judoanzug ihr Eigen nennen können.

Der Rückblick auf Erreichtes versperrte Jens Ahrenhold nicht den Blick nach vorn. Mit sehr viel Herzblut, Zeit und Energie widmete er sich dem Judosport, wo immer er war – Tag für Tag, Wochenende für Wochenende. Nach seiner Zeit in Südniedersachsen hinterließ er beim SC Hemmingen-Westerfeld, dem SV Arnum und dem Judo-Team Hannover sichtbare Spuren, ohne sich dabei in die erste Reihe zu drängen. Sein besonderes Augenmerk richtete er bis zuletzt auf die Medien- und Pressearbeit. Der konsequente Aufbau und Betrieb einer (Live-) Öffentlichkeitsarbeit in sozialen Netzwerken, den Jens maßgeblich verantwortete, war auch für andere Verbände beispielgebend. Er sah in ihr ein wesentliches Werkzeug, dem Sport Aufmerksamkeit zu verschaffen und dessen Popularität zu steigern. Mit visionärem Blick und großer Tatkraft stellte er sich den Aufgaben und Problemen der jeweiligen Zeit und trug durch seine ruhige und besonnene Art, durch Fachwissen und Geduld dazu bei, Brücken zu bauen, Wege zu ebnen und zu beschreiten. Das Wort von Jens hatte immer besonderen Wert und großes Gewicht. 

Sein positives Denken und seine im positiven Sinne einnehmende Ausstrahlung half ihm dabei Türen zu öffnen und damit Lösungen zu finden, die für andere verborgen waren. Jens hatte ein Ohr für jeden, egal wie groß oder klein das Problem war, und war stets bereit, den Menschen in seinem Umfeld zu helfen. Auch wenn sein Fokus dem Judo als (Hoch-)Leistungssport gewidmet war, war er nicht müde, den Judosport in all seinen verschiedenen Ausprägungen wertzuschätzen und die Belange aller Vereine zu vertreten. Jens war ein Weichensteller, dem es auf die großen Linien seines Sports ankam. Als Macher im Hintergrund war er an zahlreichen Leuchtturmprojekten des niedersächsischen Judosports beteiligt – zuletzt am Bundesligaengagement des Judo-Team Hannover. 

Dem Kampfrichterbereich schenkte Jens Ahrenhold seit jeher besondere Aufmerksamkeit. Seine eigene Laufbahn als Kampfrichter begann er parallel zu seiner Trainertätigkeit 1982. Sein Sachverstand führten ihn nach schnell erworbener Kreis-, Bezirks- und Landeslizenz schon 1986 auf die Gruppenebene. Vier Jahre später legte er die Prüfung zur höchsten nationalen Lizenz erfolgreich ab. 2006 krönte er seine erfolgreiche Karriere als Kampfrichter und ließ sich in Edinburgh zur IJF-B-Lizenz prüfen. Bis zuletzt nahm er – neben den Highlights auf der nationalen Ebene – Einsätze auf kontinentalem Level wahr. Seit 2016 fungierte Jens als stellvertretender Kampfrichterreferent der Gruppe Nord. Für die Bundeskampfrichterkommission war er als Beobachter im Einsatz. Aus dem niedersächsischen Kampfrichterwesen ist Jens durch seine jahrzehntelange Mitgliedschaft in der Kampfrichterkommission nicht wegzudenken. Auch in dieser Funktion prägte Jens den niedersächsischen Judosport und machte sich insbesondere als Brückenbauer zwischen Athlet*innen, Trainer*innen und Kampfrichter*innen, in der Aus- und Fortbildung sowie in der Höherlizenzierung leistungsstarker Kampfrichter*innen verdient. Auch für die Jugend  hat der Träger des 4. Dans mit seinem Engagement in der Jugendleitung des NJV in verschiedenen Positionen von 1989 bis 1996 sowie als Gruppenleiter Jugend der Gruppe Nord als Vorgänger von Matthias Scheller Verdienste erworben.

Es ist schwer begreifbar, dass der nun beginnende Olympiazyklus ohne Jens Ahrenhold als Präsidiumsmitglied, als Multiplikator bei Kampfrichterlehrgängen, als Mattensprecher bei Bundesligaveranstaltungen des Judo-Team Hannover, als Gast beim Training des Olympiastützpunktes, als Kampfrichter auf oder an der Matte beginnt. Es wird fehlen, wie Jens in eine Judohalle oder in einen Besprechungsraum kommt, seine Weste auszieht, ggf. seine Lesebrille aufsetzt und mit analytischer Schärfe Wettkämpfe oder Diskussionen verfolgt und sich bei Bedarf einordnend zu Wort meldet. Es ist schwer begreifbar, dass seine menschlichen Werte und umfassende Expertisen nun so plötzlich nicht mehr vorhanden sind. Auch dieser Nachruf vermag es nicht auszudrücken, welche Lücke er als Mensch nicht nur im niedersächsischen Judosport hinterlässt und wie schwer diese zu füllen sein wird. 

Es ist nun unsere Aufgabe, Jens’ Werte weiterzutragen und seine Ziele weiterzuverfolgen. Mit einem starken niedersächsischen Judosport tragen wir auch Jens in unserem Judoherzen weiter. Dies hätte vielleicht er auch so formuliert.

Das Präsidium, die Kampfrichter*innen und alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen des Niedersächsischen Judo-Verbandes sind bestürzt, einen allseits geschätzten Judoverrückten und vor allem einen Freund verloren zu haben und sind in tiefer Trauer.

Wir werden Jens Ahrenhold stets ein ehrendes Andenken bewahren, verneigen uns vor seiner dem Judosport gewidmeten Lebensleistung und sprechen seiner Frau Meike, seinen Töchtern Elna und Janne und der gesamten Familie sowie allen, die an ihn denken, unser Beileid aus.